Konzertkritik in Bayerischer Zeitung

(Un)vermittelte Überraschungen

IMPROVISATION Stücke in neuem Stilgewand, ungewöhnliches Besteck, Änderungen im Programm – das Jazzweekend ist für Abwechslung gut.
by Juan Martin Koch, MZ

Catherine Bent vom Duo Elis & Catherine aus München, das sich in der aparten Besetzung Gitarre-Cello vor allem der brasilianischen Musik widmet. Fotos: altrofoto.de

REGENSBURG. Die Kunst der vermittelten Überraschung: So könnte man vielleicht eines der Merkmale umschreiben, die guten Jazz ausmachen.

[Rezensionen verschiedener Veranstaltungen des Jazzweekends]

So stieß man beim Flanieren im Innenhof des „Amore, Vino & Amici“ auf Elis Roseira und Catherine Bent. Die beiden Musikerinnen widmen sich in der aparten Besetzung Gitarre-Cello vor allem der brasilianischen Musik, wobei Gitarristin Elis Roseira auch die Vokalparts übernimmt. Die Songperlen eines Chico Buarque („A mais bonita“) etwa werden da auf ihre Essenz konzentriert, die Intimität des Duos tut ihnen hörbar gut.

Catherine Bent ist eine äußerst versierte Instrumentalistin, die sich nie in den Vordergrund spielt, aber dem Ganzen mit feinen Cellostrichen Kontur verleiht. Elis Roseira beweist, dass man keine Riesenstimme braucht, um dieses Repertoire zum Leben zu erwecken. Jobims 3/4-Bossa „Chovendo na roseira“ ist ihr quasi in den Namen geschrieben, aber auch ein Dylan-Klassiker wie „You’re gonna make me lonesome when you go“ (Pate stand hier wohl die Version von Madeleine Peyroux) funktioniert in dieser Besetzung wunderbar.

[weitere Rezensionen]


Dieser Artikel erschien am 11.07.2016 in der „Mittelbayerische Zeitung“ auf Seite 38.
Online Version: http://www.mittelbayerische.de/kultur-nachrichten/unvermittelte-ueberraschungen-21853-art1402794.html

Catherines Reisen durch Brasilien Teil 2: Rio de Janeiro

Rio, eine Stadt, deren Zauber und Flüche man nicht so leicht zusammenfassen kann. Hier habe ich die allerbesten Sachen und die schlimmsten gehört. Ich wurde mehrfach an meine Grenzen gebracht und meine Geduld auf die Probe gestellt. …und wurde mehr als belohnt. Rio hat mich verzaubert.

Jedes Mal wenn ich in Rio ankomme fühle ich mich mehr zuhause als im Jahr zuvor. Der Großteil der Stadt ist mir inzwischen vertraut – die Stadtteile, die Gerüche, die atemberaubenden Ausblicke und die allgegenwärtigen Samba-Klänge. Aber in der musikalischen Landschaft verschieben sich auch Dinge: Die kleine Bar, in der ich im einen Jahr jede Woche gespielt habe, mag nun zu einem weniger attraktives Programm übergegangen sein or ganz mit der Musik aufgehört haben. Das Restaurant, wo ich jeden Samstag gespielt habe, mag nun abstoßend laut erscheinen. Oder jemand lädt mich irgendwohin ein, wo ich eine ganz neue Gruppe von Musikern entdecken werde – ein weiteres Zimmer in meinem Musik-Haus, dessen Türen und Fenster verlockende andere Orte, Klänge und persönliche Begegnungen nahelegen.

An dem Abend, an dem ich ankam, ging ich zu einer Roda de Choro (Jamsession), Roda de Choroauf der ich einige alte Freunde und einige neue traf. Dabei waren ein Violinist und ein Klarinettist, deren musikalische Persönlichkeiten mich willkommen fühlen ließen. Der nächste Tag war voll ausgefüllt mit einem meiner liebsten Spiele, das ich „Dinge einkaufen, deren Namen ich nicht weiß“ nenne. In dieser Runde spielte ich um Kabeladapter, Kleiderbügel und einen Lampenschirm. Der Erfolg war schwer zu erringen aber irgendwann mein.

Trapiche GamboaAm zweiten Abend ging ich in einen Samba Club, der Trapiche Gamboa heißt – ein Lagergebäude aus dem 18ten Jahrhundert, dessen Wände tatsächlich mit Walöl gebaut wurden. Es ist ein hinreißender Ort, drei Stockwerke hoch mit farbigen Glasfenstern, gekachelten Wänden und Böden, einem riesigen Kronleuchter und durchweg den besten Beispielen der brasilianischen Musikstile – Choro, Samba, Jongo und mehr. An diesem Abend gab es Forró und wir wollten tanzen. Aber heute war es ganz besonders, denn Hermeto Pascoal war in der Menge. Ich sprach mit ihm ein bisschen und erzählte ihm, dass wir viel von seiner Musik in Boston spielen. Er war sehr herzlich und schien erfreut zu sein, als er dies hörte. Später ging er hoch zur Band und spielte ein temperamentvolles Call-and-Response. Alle, die wir dort waren, waren sehr berührt.

Ganz anders, als zu einer südländlischen Alltags-Geschwindikeit hin zu entspannen, sprinte ich eher durch Rio. Mein Körper (und die Stunden des Tages) werden von meinen Interessen durch die Stadt gejagt. InspirationEine Woche lang sause ich auf Höchstleistung herum – gehe auf mehrere Konzerte, Choro Sessions und Tanzpartys an einem Tag/Nacht. Aber dann pralle ich auf einmal auf, muss alles für ein, zwei Tage ausschalten und zuhause bleiben, egal welches Vergnügen ich verpasse. Nach ein paar Monaten merke ich wie ich mich verändere – ich beginne mich anzupassen und lasse mich dahintreiben. Ein paar Grundlagen des Überlebens als Carioca habe ich gelernt: mache Nickerchen, bleib zuhause, wenn es regnet, und verspreche nie etwas für später!

Catherines Reisen durch Brasilien – Teil 1: Pernambuco

Catherine reist jeden Sommer nach Brasilien um mehr und mehr von der facettenreichen Musikkultur dieses Landes und seiner Leute zu erfahren. Im Blog unserer Website wird sie uns an einigen ihrer Eindrücke und Geschichten der diesjährigen Reise teilhaben lassen – angefangen mit dem Aufenthalt in Pernambuco..

Olinda with Recife skyline„Es ist das erste Mal, dass ich nach Pernambuco reise, ganz neugierig auf die dortige Kultur! Ich wohne im historischen Teil von Olinda, umgeben von Kirchen und Klöstern, die von den Niederländern im frühen 17. Jahrhundert zerstört wurden und kurz darauf von den Portugiesen wieder aufgebaut wurden. Ich wanderte den Berg hinauf um den großartigen Ausblick zu genießen (die Skyline von Recife und all die kleinen Hügel und Kirchen dazwischen, und natürlich das Meer, das einen ins tropische Paradies lockt). Obendrein habe ich Tapioca mit Shrimps gegessen (eine Art Crêpe), und ein paar Holzschnitte mit Szenen aus Olinda gekauft von einem Mann der mit Fotos seiner Familie zeigte und einige alte Zeitungsartikel über ihn und seine Arbeit.

 

Mit dem Bus fuhr ich nach Recife und lief zum Paço do Frevo, wo ich ein tolles Mittagskonzert hörte, bei dem ich die Parallelen und Unterschiede zwischen Choro und diesem Stil vergleichen konnte – es ist wie gedopte Marschmusik! Pratos típicosIm obersten Stock des Museums werden die Karnevals-Banner der ortsansässigen Frevo Blocos aus vielen Jahren ausgestellt. Ein paar Freunde waren zufällig auch in der Stadt und wir trafen uns zum Mittagessen – ein Festmahl lokaler Spezialitäten: casquinha de siri, caldo de camarão, queijo coalho, aipim frito, so seidig wie Tofukissen, interessanter pimenta Wackelpudding mit Honig und natürlich eine Flasche eiskaltes Original, das ganze mit Blick auf den Ozean.

 
Am Samstag Abend nahm mich ein Freund mit zu einer Roda de Choro in der Bar Retalhos in Recife mit. Roda de Choro at Bar RetalhosAn dem Tag war der Geburtstag von Bozó, einem 7-saiten Gitarristen, und der Laden war voll. Nach circa einer Stunde feurigen Choros vom Hausquartett lud Bozó mich ein ein Stück zu spielen und behielt mich für fünf weitere auf der Bühne. Mit diesen Musikern zu spielen fühlte sich gemeinschaftlich, freundlich an – so wie es sich eben anfühlt bei einer guten Roda de Choro. Ich lerne den Akzent dieses Stils, während ich versuche das beizusteuern, was ich weiß und was ich fühle.

 
Nach dem Spielen unterhielt ich mich ein bisschen mit den Leuten in der Bar, darunter auch ein Paar, die Dozenten für Violine und Cello an der Staatlichen Universität von Pernambuco waren. Diese netten, kreativen Leute und ich hatten viel gemeinsam – die klassische Ausbildung und unser Interesse an der lokalen folkloristischen Musik. Am Montag ging ich zu ihrer Universität und gab ein bisschen Kammermusik Coaching und einen kleinen Choro Workshop.

 

Maracatú practice in OlindaWas ich außerdem noch gesehen habe: Eine Maracatú Probe auf Olindas Praça do Carmo, eine phantastische Ausstellung über Karneval „Mamulengos“ und die Kunst diese Puppen zu improvisierten Geschichten zu bewegen, Abilio Sobrals Laden mit Hunderten seiner Perkussions- und Saiteninstrumente und einen Nachtclub voller Leute, die alle synchron zu einer Band tanzten, die eine denkwürdige Mischung aus Samba und Reggae in ohrenbetäubender Lautstärke spielte.

Trotz der andersartigen Geschmäcker und Akzente war diese Erfahrung sehr typisch für meine Reisen durch Brasilien – ankommen ohne Erwartungen und interessante Aktivitäten und zwischenmenschliche Verbindungen entdecken. MamulengosEines der profundesten Erlebnisse, die ich hatte, war folgendes: Als ich von einem langen Ausflug an der Küste zurückkam, hielt ich an einem Feld an wo Hunderte ausgesetzter Katzen lebten und unterhielt mich eine Stunde lang mit der Frau, die die Katzen fütterte. Wann immer sie konnte, brachte sie einzelne Tiere zum Arzt, aber anders als in Rio gibt es hier keine Organisation, die streunende Tiere kostenlos kastriert. Sie weinte als sie über die Katzen sprach. Wir wollten nichts vom anderen; wir waren zwei Fremde, die in diesem Moment zusammentrafen, Worte fanden um Dinge auszudrücken, die uns etwas bedeuteten, und wenn uns die Worte fehlten, ließen wir uns schlichtweg von den Empfindungen ergreifen.

 

In Arbeit…

Wir haben eine Reihe wunderschöner Lieder aufgenommen und möchten sie bald veröffentlichen. Für das Album haben wir uns den Namen “Um Gosto de Sol” ausgesucht – das heißt soviel wie “Der Geschmack nach Sonne” und ist eine Textzeile eines der Lieder.

Derzeit wird das Album gemischt, die Homepage gebaut, die Artwork auf Vordermann gebracht und die Tourplanung hat begonnen..

Stay tuned!