Rio, eine Stadt, deren Zauber und Flüche man nicht so leicht zusammenfassen kann. Hier habe ich die allerbesten Sachen und die schlimmsten gehört. Ich wurde mehrfach an meine Grenzen gebracht und meine Geduld auf die Probe gestellt. …und wurde mehr als belohnt. Rio hat mich verzaubert.

Jedes Mal wenn ich in Rio ankomme fühle ich mich mehr zuhause als im Jahr zuvor. Der Großteil der Stadt ist mir inzwischen vertraut – die Stadtteile, die Gerüche, die atemberaubenden Ausblicke und die allgegenwärtigen Samba-Klänge. Aber in der musikalischen Landschaft verschieben sich auch Dinge: Die kleine Bar, in der ich im einen Jahr jede Woche gespielt habe, mag nun zu einem weniger attraktives Programm übergegangen sein or ganz mit der Musik aufgehört haben. Das Restaurant, wo ich jeden Samstag gespielt habe, mag nun abstoßend laut erscheinen. Oder jemand lädt mich irgendwohin ein, wo ich eine ganz neue Gruppe von Musikern entdecken werde – ein weiteres Zimmer in meinem Musik-Haus, dessen Türen und Fenster verlockende andere Orte, Klänge und persönliche Begegnungen nahelegen.

An dem Abend, an dem ich ankam, ging ich zu einer Roda de Choro (Jamsession), Roda de Choroauf der ich einige alte Freunde und einige neue traf. Dabei waren ein Violinist und ein Klarinettist, deren musikalische Persönlichkeiten mich willkommen fühlen ließen. Der nächste Tag war voll ausgefüllt mit einem meiner liebsten Spiele, das ich “Dinge einkaufen, deren Namen ich nicht weiß” nenne. In dieser Runde spielte ich um Kabeladapter, Kleiderbügel und einen Lampenschirm. Der Erfolg war schwer zu erringen aber irgendwann mein.

Trapiche GamboaAm zweiten Abend ging ich in einen Samba Club, der Trapiche Gamboa heißt – ein Lagergebäude aus dem 18ten Jahrhundert, dessen Wände tatsächlich mit Walöl gebaut wurden. Es ist ein hinreißender Ort, drei Stockwerke hoch mit farbigen Glasfenstern, gekachelten Wänden und Böden, einem riesigen Kronleuchter und durchweg den besten Beispielen der brasilianischen Musikstile – Choro, Samba, Jongo und mehr. An diesem Abend gab es Forró und wir wollten tanzen. Aber heute war es ganz besonders, denn Hermeto Pascoal war in der Menge. Ich sprach mit ihm ein bisschen und erzählte ihm, dass wir viel von seiner Musik in Boston spielen. Er war sehr herzlich und schien erfreut zu sein, als er dies hörte. Später ging er hoch zur Band und spielte ein temperamentvolles Call-and-Response. Alle, die wir dort waren, waren sehr berührt.

Ganz anders, als zu einer südländlischen Alltags-Geschwindikeit hin zu entspannen, sprinte ich eher durch Rio. Mein Körper (und die Stunden des Tages) werden von meinen Interessen durch die Stadt gejagt. InspirationEine Woche lang sause ich auf Höchstleistung herum – gehe auf mehrere Konzerte, Choro Sessions und Tanzpartys an einem Tag/Nacht. Aber dann pralle ich auf einmal auf, muss alles für ein, zwei Tage ausschalten und zuhause bleiben, egal welches Vergnügen ich verpasse. Nach ein paar Monaten merke ich wie ich mich verändere – ich beginne mich anzupassen und lasse mich dahintreiben. Ein paar Grundlagen des Überlebens als Carioca habe ich gelernt: mache Nickerchen, bleib zuhause, wenn es regnet, und verspreche nie etwas für später!

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